Nachfolgender Artikel erschien leicht gekürzt im Motorist, Ausgabe 5/10 auf den Seiten 47 bis 49: Darüber hinaus findet sich auf Seite 3 (siehe auch unten) das Editorial von Chefredakteur Jürgen Krieger zum selben Thema. Der Motorist ist das Fachmagazin für den Motorgerätefachhandel.

EDV oder: Herzlich willkommen in Babel!

Katalogsysteme, Warenwirtschaft, Bestellwesen, Buchhaltung – Etwa Mitte der 1980er Jahre haben die ersten Motoristen und Motorgerätefachhändler ihre Warenwirtschaft, Buchhaltung und Faktura auf Elektronische Datenverarbeitung (EDV) umgestellt. Spätestens in den 1990er Jahren folgte der gesamte Fachhandel. Ähnlich, wenn auch teilweise etwas früher, verlief die Entwicklung auf Seiten der Hersteller und Importeure: Wer heute noch primär auf Papier arbeitet, ist in der Gartentechnikbranche jedenfalls eine einsame, die Regel bestätigende Ausnahmeerscheinung. Zeit also für eine Gesamtbetrachtung.

Am Computer führt kein Weg vorbei…

Über das Für und Wider wird immer noch sehr gerne diskutiert – aber: die überwiegende Mehrheit der Fachhändler weiß, dass sie das Personal in der Buchhaltung der 1970/80er heute schlicht nicht mehr finanzieren könnte, genauso wenig wie die damaligen Lagerbestände. Und die Mehrheit im Fachhandel weiß auch, dass sie an der immer weiter und vor allem: tiefer gehenden Entwicklung nicht vorbei kommen wird.

Namentlich die Integration der EDV zwischen Herstellern und Fachhandel ist seit den 1990er Jahren eine ernsthafte und heute primäre Herausforderung: Nach einem Vierteljahrhundert der Entwicklung knirscht es hier deutlich vernehmbar im Gebälk. Viele der globalen Lösungsansätze sind längst wieder verschwunden und die Kostenbelastung, speziell auf Seiten des Fachhandels, erreicht unbekannte, geradezu unvorstellbare Dimensionen.

War in den 1980er Jahren vor allem die Hardware einer der Kostentreiber, ist es heute die Software: Und zwar nicht etwa das Warenwirtschaftssystem (WWS), sondern vielmehr die schier unglaubliche Vielzahl an Schnittstellen, Onlineanwendungen und lokalen Anwendungen von und zu sämtlichen Herstellern. Alle Oberflächen und Prozesse muss ein Händler – und natürlich sämtliche Mitarbeiter in Werkstatt und Verkauf – beherrschen, um schlicht einen Rasenmäher, ein Messer oder eine Schraube fehlerfrei heraussuchen und bestellen zu können. Das ist Babel in Reinkultur!

Ein Gedankenexperiment

Stellen Sie sich einmal vor, jedes einzelne elektrische Gerät in Ihrem Haushalt würde über einen anderen Anschluss verfügen: Und zwar nicht nur über einen anderen als den genormten Konturenstecker (CEE-7/17), sondern selbstverständlich mit Strombedarf in unterschiedlichen statt der einheitlichen, weil heute europaweit festgelegten Frequenz (50 Hz) und Spannung (240 V).

Obendrein würden auch die Stromversorger den Strom in unterschiedlichen Frequenzen und Spannungen anliefern. Und um die Welt noch etwas komplizierter zu machen: alle 6 bis 18 Monate würden sie Frequenz oder Spannung verändern, häufig ohne erkennbaren Grund, häufig spontan und ohne vorherige Ankündigung.

Hätten sich Stromversorger und Gerätehersteller im letzten Jahrhundert nicht auf einen Standard geeinigt oder diesen jeweils übernommen – etwa um künstlich Marktmacht aufzubauen oder Einzelinteressen durchzusetzen – würde es die gesamte Industrie nicht in ihrer heutigen Dimension geben. Sie wäre zersplittert und aus Kundenperspektive unattraktiv. Natürlich gab es entsprechende Versuche, glücklicherweise sind diese aber allesamt gescheitert.

Elektrischer Strom hätte sich unter diesen Annahmen höchstwahrscheinlich nicht zu einem Universaldienst oder einer ernstzunehmenden Infrastruktur entwickelt. Strom aus der Steckdose wäre als Energieversorgung unzuverlässig, instabil und damit keine Geschäftsgrundlage.

Datenströme

Bei der Betrachtung der enormen Herausforderungen hinsichtlich der Integration von EDV innerhalb der Gartentechnikbranche müssen zwei sehr unterschiedliche Wege für Datenströme und deren unterschiedliche Inhalte getrennt und einzeln bewertet werden:

    1. Unidirektionale Datenströme, die ausschließlich vom Hersteller zum Händler oder andersherum fließen, ohne inhaltlich vom Empfänger verändert werden zu dürfen, und

    2. Bidirektionale Datenströme, bei denen Kommunikation und häufige Veränderung stattfindet, in der Konsequenz also individuelle, nicht-standardisierbare Inhalte transportiert und nicht-standardisierbare Prozesse abgebildet werden.

Letztere, etwa schon der Bestellprozess mit seinen unterschiedlichen und flexiblen Konditionssystemen, entziehen sich regelmäßig einer allgemeinen Standardisierung. Natürlich wäre es äußerst hilfreich, wenn hier zumindest grundlegend eine Normierung etwa von Schnittstellen oder Datenstrukturen stattfinden würde. Alles darüber hinaus entbehrt aber, und dessen sind sich Industrie als auch Handel bewusst, jeglicher Grundlage:

Lieferanten unterscheiden sich eben auch, heute vielleicht sogar: primär, durch Einkaufskonditionen, ihr individuelles Verhalten bei Garantiefällen, Rückläufern und ähnlichen Prozessen. Darauf zu hoffen, dass sich alle Hersteller an einen Tisch setzen und sich auf gleiche Abläufe oder gar Konditionen einigen, ist völlig illusorisch und marktfremd. Diese Idee ist planwirtschaftlich und dysfunktional. Sie lässt sich folglich auch nicht sinnvoll auf digitale Prozesse und konkrete Schnittstellen übertragen.

Und es geht doch, irgendwie…

Dass einheitliche und branchenweite Standards zumindest bei Datenstrukturen, Datenformaten und partiell auch Schnittstellen möglich wären, beweisen die Anbieter von WWS seit den 1990er Jahren: Sie nutzen für ihre insgesamt etwa 2.000 Kunden intern eine jeweils einheitliche Struktur für Produkt- und Ersatzteildaten aller gängigen Hersteller. Ein weiteres Beispiel ist Gartentechnik.com, wo für die Websites von weit über 300 Fachhändlern ein einheitliches, detailliert strukturiertes Datenformat für die Produktinformationen mit B2C-Charakter von über 150 Marken zum Einsatz kommt.

Wie dies, trotz völliger Heterogenität am Markt, möglich ist? Durch sehr viel Arbeit, regelmäßig auch rein händischem Abgleichen, sogar noch von Papier.

Paul Herwarth von Bittenfeld, Geschäftsführer von Gartentechnik.com:

    Der Aufwand der Datenintegration und bei der Etablierung und dem Aufrechterhalten von Schnittstellen ist immens. Dieser Faktor wird immer wieder unterschätzt. Standardformate für Artikelstammdaten, etwa BMEcat, sind in der Branche weitgehend unbekannt. Word- oder Excel-Dokumente und Bilder in Verzeichnisstrukturen sind die Regel, nicht die Ausnahme. Im Verhältnis zur Automobilindustrie, aber selbst zur Sanitär- oder Heizungsbranche, lebt die Gartentechnikbranche insofern in der digitalen Steinzeit.

Dies bestätigt auch Markus Walter, Chefentwickler bei Sewiga:

    Heute arbeiten wir für unsere 700 Kunden mit über 120 unterschiedlichen Schnittstellen zu Herstellern. Bei Preisdaten sogar mit über 400, da regelmäßig auf Herstellerseite noch einmal unterschiedliche Systeme zum Einsatz kommen. Darüber hinaus finden sich kaum automatisierte Prozesse. Normformate für Artikelstammdaten, etwa EDIfact oder Datanorm, sind überhaupt nicht verbreitet. Hinzu kommen über 50 unterschiedliche Bestellschnittstellen, soweit diese strukturell überhaupt etabliert werden können.

Diese Arbeiten sind sehr aufwändig und durch fortlaufende Änderungen durch die Hersteller entsprechend teuer: So verwundert es nicht, dass auf Fachhandelsseite durchschnittlich über Euro 1.000,– Kosten pro Jahr allein für Preisbänder aufgebracht werden müssen, die ansonsten kaum zusätzliche Produktinformationen enthalten und keinen zusätzlichen Nutzen stiften. Dass die Preisbänder von vielen Herstellern kostenlos angeboten werden, hilft dabei nicht weiter.

So bestätigt etwa Walter Schwob, After Sales Service Manager bei Honda, dass

    Preisdaten unseren Fachhandelspartnern zweimal im Jahr kostenlos zur Verfügung gestellt werden, selbstverständlich auch zum Download direkt aus dem Honda Extranet. Diese Daten müssen aber noch für das jeweilige WWS des Händlers aufbereitet werden“.

Der Fachhändler: die fehlende Schnittstelle

Der eigentliche Bestellvorgang für Maschinen und Ersatzteile verläuft heute theoretisch vollständig online. – Schwob:

    Bei Honda ist für das Bestellwesen ausschließlich ein Onlinesystem verfügbar. Sämtliche Dokumentationen finden sich offline auf DVD. Auch der Teilekatalog ist auf der DVD abgebildet, wird dort aber nur beim Neudruck aktualisiert.

Dies bestätigt auch Heiko Pfister, Produktmanager bei Husqvarna:

    Heute ist das Beschaffungswesen weitestgehend über herstellerseitige Onlineportale abgedeckt. Print ist nicht mehr zeitgemäß.

In der praktischen Anwendung sieht der Bestellprozess aus Perspektive des Fachhandels allerdings folgendermaßen aus: Zunächst werden Maschinen oder Ersatzteile im Onlinekatalog des Herstellers herausgesucht. Im Bestfall besteht eine technische Schnittstelle zum WWS des Händlers. Tatsächlich ist aber der Händler im Regelfall selbst die Schnittstelle, muss die Daten, etwa Ersatzteilnummern, also händisch übertragen.

Vom WWS geht es gebündelt weiter zur elektronischen Bestellung oder zur Garantieabwicklung, Abwicklung von Rückläufern etc. pp. Dieser Schritt erfolgt wieder regelmäßig durch händische Übertragung in lokal installierte Lieferantensoftware oder via FTP, eMail, Webupload oder unmittelbar im Herstellerextranet.

Insgesamt entstehen somit zwei ernsthafte Fehlerquellen und erheblicher, fortlaufender Schulungsaufwand für Fachhändler und ihre Mitarbeiter: Das Problem sind aufgrund fehlender technischer Schnittstellen nicht nur die händischen Übertragungen, sondern auch das Erfordernis, zwei, bei allen Herstellern äußerst unterschiedliche Prozesse zu erlernen und dieses Wissen regelmäßig zu aktualisieren.

Paul Raimund, Landmaschinen-, Reifen- und Motorgerätefachhändler in Meisenheim, im Vorstand der BuFa-MOT:

    Jeder Hersteller hat ein anderes System, jeder mit einer anderen Oberfläche. Händler und Mitarbeiter müssen 20 bis 30 Systeme beherrschen. Für jeden Hersteller ist ein eigenes Login erforderlich. Das ist logisch, aber praktisch ein ernsthaftes Problem. Man muss vor allem die Zeit sehen, die hier aufgebracht werden muss. Viele Händler auf dem Land haben außerdem immer noch kein DSL, dort ist die Onlinebestellung ein riesiges Problem.

Ralf Schramek, Fahrrad- und Motorgerätefachhändler in Weiden:

    Eigentlich hat sich nicht viel zu 1995 [siehe Motorist, 3/95, S.11] verändert. Jeder Hersteller kocht sein eigenes Süppchen, nutzt sein eigenes Programm, mit eigenen Zugängen. Lexcom-Updates verursachen bei uns etwa Euro 1.500,– Kosten im Jahr. Daneben müssen wir uns bei kleineren Lieferanten die Daten mühsam zusammensuchen, da es sich nicht lohnt, diese einzukaufen. Selbst wenn die Programme und Updates kostenlos wären, fallen bei uns für jeden Lieferanten sehr hohe Kosten durch Schulungen an.

Ein weiterer Fachhändler, der nicht namentlich erwähnt werden möchte:

    Heute läuft alles online. Die Problematik von 2001 hat sich aber im Ergebnis nicht verändert: jeder Hersteller, jeder Lieferant nutzt eine andere Maske, ein anderes System. Die Systeme müssten stärker vereinheitlicht werden. Das ist insgesamt unpassend für die heutige Zeit.

Siegfried Oerthel, Marketing, AS-Motor:

    Aus der Vielzahl der Ersatzteilbestellsysteme der Hersteller entsteht für den Motoristen verständlicherweise ein Usability-Problem. Aus Herstellersicht stellt sich die Situation der heterogenen Systeme ähnlich dar, weil wir mit einer Vielzahl von ERP-Systemen auf Händlerseite umgehen müssen.

Dazu Pfister:

    Die Herausforderung besteht bei heterogenen Systemen darin, die Oberflächen aus Handelsperspektive möglichst einfach zu gestalten. Eine gewisse Vereinheitlichung der Oberflächen ist vorstellbar. Ein einziges System für alle Hersteller ist hingegen äußerst unwahrscheinlich.

Versuche der Vereinheitlichung

Bereits 1993 stellte Briggs & Stratton mit Powercom 2000 eine Branchenlösung für die Ersatzteilbeschaffung, speziell als einheitliches Katalogsystem, vor [siehe Motorist 5/93, S.48 und 4/94, S.88ff.]. Dazu Schramek bereits 1995:

    Bis jetzt gibt es schon zwei Systeme für elektronische Teilekataloge. Das Powerview von Powercom, einer Briggs & Stratton-Tochtergesellschaft, und das Plus1 von Tecumseh. Alle Welt spricht vom Daten-Highway und internationalem Datenaustausch, aber für die zwei meistverbreitetsten Motorenlieferanten unserer Branche sind schon wieder zwei unterschiedliche Programme nötig.

Die Parts-and-more e.G. von 2002, deren Ziel in der Schaffung einer Ersatzteilplattform für alle Hersteller besteht, bündelt heute über ihre Plattform noch 4 Lieferanten, nachdem Iseki ausgestiegen ist: Toro, AS-Motor, Solo und die Irms. Zum allgemeinen Status, Oerthel (AS-Motor ist Genossenschaftsmitglied bei Parts-and-more):

    Roth ist bekanntermaßen nicht mehr im Geschäft, ob Verhandlungen von Parts-and-more mit Ratioparts oder Toro USA bestehen, ist mir nicht bekannt. Parts-and-more ist unser Forum zum Handel. Wir wickeln darüber zunehmend mehr Ersatzteilbestellungen ab. Wir stehen weiterhin voll hinter Parts-and-more. Wir könnten das Ersatzteilgeschäft ohne Parts-and-more gar nicht abfangen. Die Abwicklung ist für beide Seiten schneller, weniger fehleranfällig und schon seit Jahren bei unseren Fachhandelspartnern etabliert.

Raimund:

    Parts-and-more war eine interessante Idee, aber da die Hersteller nicht teilnehmen, bleibt es auch dabei.

Ein weiterer Fachhändler, der nicht namentlich erwähnt werden möchte:

    Parts-and-more ist nicht schlecht. Für Händler wäre es hilfreich, wenn sämtliche Hersteller vertreten wären. Dies wird aber wahrscheinlich nie oder nur mit Marken-abhängigen Zugängen eintreten, da die Hersteller keine Dritthändler beliefern wollen.

Schwob:

    Parts-and-more ist für uns als Hersteller uninteressant, da wir weltweit mit einem einheitlichen System arbeiten.

Pfister:

    Das Problem von Parts-and-more und anderen zentralen oder offenen Plattformen besteht in der Gefahr der Integration von Drittteilen.

Was man aus Powercom 2000 und Parts-and-more für die Zukunft lernen kann: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit werden sich Hersteller – mit ihren unterschiedlichen Kulturen, Prozessen und individuellen Anforderungen – auch morgen nicht auf ein System, also eine Software oder Plattform, einigen. Geradezu aussichtslos ist es, Hersteller zu überzeugen, die nicht nur eigene Systeme für Deutschland anbieten, sondern vielmehr global einheitlich vorgehen oder in Deutschland nicht über die eingesetzten Systeme entscheiden.

Dies lässt sich auch anhand anderer Branchen sehr gut nachvollziehen: Auf eine große, einheitliche Plattform zu hoffen, die von allen genutzt wird, ist ebenso illusorisch wie die zu Beginn genannte Idee der Vereinheitlichung gar der Geschäftsprozesse. Das will ganz offensichtlich niemand und wird daher auch niemand umsetzen.

Eine Sprache für mehr Individualität

Betrachtet man andere Branchen, so hat sich ein alternativer Weg durchgesetzt, der nicht auf einheitliche Software oder Systeme abzielt, sondern auf eine einheitliche ‘Sprache’: Statt Babel also ein einheitliches Datenformat, eine einheitliche Datenstruktur, mit der sämtliche Systeme von Herstellern und Fachhändlern Daten austauschen können, etwa Artikelstammdaten. Ein Format, auf das sämtliche Systeme ausgerichtet werden und auf das sich alle Softwareanbieter verlässlich und langfristig einstellen können. Beispiele sind die bereits genannten: BMEcat, Datanorm, EDIfact

Aber was genau leisten derartige Normformate? Während heute hunderte Datenstrukturen von der auf Hersteller- oder Handelsseite eingesetzten Software ‘verstanden’ werden müssen, reduziert ein Zwischenformat den Aufwand für alle und sorgt für verlässliche, stabile Strukturen.

Vereinfacht würde eine ähnliche Situation eintreten, als würden sich ein Deutscher und ein Chinese auf Englisch unterhalten: Beide müssen in einer anderen als ihrer Muttersprache miteinander reden, sie müssen also von Deutsch oder Chinesisch auf Englisch übersetzen und zurück. Das klingt zunächst einmal aufwändig. Kämen nun aber ein Franzose, ein Italiener, ein Japaner… zum Gespräch hinzu, hätten alle eine gemeinsame Grundlage: Sie könnten alle problemlos auf Englisch kommunizieren.

Besonders angenehm ist diese Situation natürlich für einen ‘Muttersprachler’, denn für ihn entfällt die Übersetzung vollständig. Dies kann für jeden Teilnehmer der logische nächste Schritt sein: Statt der Konvertierung in ein universelles Format, könnte die eigene Software auch intern und unmittelbar auf das Normformat für Daten setzen. Verpflichtend oder zwangsläufig wäre dies allerdings nicht! Und realistisch können derartige Anpassungen auch erst dann erwartet werden, wenn sehr viele Branchenteilnehmer den Standard grundsätzlich akzeptiert hätten.

Der entscheidende Vorteil besteht also in der Individualität der möglichen Systeme und zwar auf Hersteller- aber auch auf Handelsseite. So schrieb Andreas Rien, Motorist in Bad Salzdetfurth, bereits 1998 [Motorist 2/98, S.22]:

    Leider hat sich für mich gezeigt, wie schlecht eine Standardlösung die individuellen Anforderungen eines einzelnen Betriebes und Anwenders berücksichtigt.” Heute meint Rien: “Theoretisch wäre eine Individuallösung das Optimum. Praktisch ist aber eine Standardlösung der einzig gangbare Weg. Wir benutzen heute Sewiga, nachdem wir zwischenzeitlich versucht haben, eine individuelle Lösung aufzubauen. Es gibt bei Ersatzteil- und Garantiesystemen zu viele Schnittstellen zu den Lieferanten.

Der Weg zur Norm

Dass eine entsprechende Einigung ebenfalls nicht einfach ist, zeigt branchennah EDI_agrartec, ein Arbeitskreis von DRV, H.A.G. und VDMA, das den elektronischen Datenaustausch zwischen Landtechnik-Industrie und -Handel auf eine einheitliche Basis stellen wollte. – Dazu Helmut Baumann, RI-Solution GmbH:

    Ziel von EDI_agrartec war die Homogenisierung der Garantieabwicklung, um insgesamt die Qualität zu erhöhen. Es sollte ein Standard entwickelt werden für: Artikelstammdaten, Bestellung, Rechnungslegung und Garantieabwicklung. Die Problematik der Homogenisierung bestand insbesondere auf Seiten der großen Spieler, die eine Internationalisierung und eine Anpassung an ihre ‘Standards’ gefordert haben. Die große Anzahl der mittelständischen Lieferanten konnte nicht einmal dazu gebracht werden, auf eine Logik wie etwa EAN-Codes, also international standardisierte Artikelnummern, umzusteigen.

Schwob:

    Ich war in einem Ausschuss von EDI_agrartec, aber sobald Standards entwickelt wurden, kam ein Anbieter und hat diese für sich abgelehnt. Heute wäre es auch bei uns enorm schwierig, externe Standards zu adaptieren, da wir weltweit mit einem System für alle Bereiche, also nicht nur für Power Equipment, arbeiten.

Pfister:

    Es ist vorstellbar, dass auf basaler Ebene, etwa Artikelstammdaten, Standardisierungen erfolgen könnten. Fraglich ist, wie sämtliche Branchenteilnehmer an einen Tisch zu bekommen wären? Mittelfristig wird an grundlegenden Standardisierungen aber kein Weg vorbeiführen.

Baumann:

    Alle Händler und Hersteller an einen Tisch zu bringen, ist Utopie. Für derartige Normfragen gibt es Verbände, sowohl auf Handels- als auch auf Industrieseite. Etwa die BuFa-MOT, den VdM, aber auch Einkaufsgemeinschaften, die auch faktisch einen Hebel haben. Auf Seiten der Hersteller den IVG. Es sollte ein möglichst neutraler Dienstleister hinzugenommen werden, der keiner der Parteien zugeordnet ist und im Bestfall auch internationale Standards im Fokus hat. In der Vergangenheit hat es auf Handelsseite, sowohl beim VDMA als auch bei der H.A.G., regelmäßig daran gemangelt, Druck aufzubauen und die Einhaltung von Standards durchzusetzen.

Oerthel:

    Wir sind zurzeit in Gesprächen mit Sewiga und COS bezüglich einer Schnittstellenprogrammierung. Vereinheitlichungen von Datenformaten und -strukturen könnte eine Lösung sein. Wir setzen 100%ig auf den Fachhandel und würden Empfehlungen von Verbänden in diese Richtung in jedem Fall unterstützen.

Walter:

    Bei Artikelstammdaten wäre und ist es möglich, aus verschiedenen Formaten ein einheitliches Format zu erstellen. Das ist exakt, was zum Beispiel WWS-Anbieter machen. Es könnte auf dieser Ebene branchenweit zu einer Lösung gefunden werden, wenn der entsprechende Wille vorhanden wäre.

Schramek:

    Die Lieferanten müssten sich auf einen Standard einigen, eine Schnittstelle, über die Artikelstammdaten angeliefert werden, so dass sich die WWS-Anbieter darauf einstellen können.

Raimund:

    Als Vorstand der BuFa-MOT muss ich festhalten, dass sich der Handel intensiver mit der Thematik beschäftigen sollte. Hier ‘verstecken’ sich einerseits hohe Kosten und andererseits finden sich interessante Potentiale für die Zukunft. Das gesamte Thema EDV, insbesondere die Standardisierung von Daten und Schnittstellen, sollte stärker an die Hersteller herangetragen werden. Dafür werde ich mich im Rahmen der BuFa-MOT, etwa den regelmäßigen Herstellergesprächen, stark machen.

Ausblick und nächste Schritte

In einem ersten, vielleicht auch schon finalen Schritt müsste die Vereinheitlichung von Datenformaten und Datenstrukturen innerhalb der Gartentechnikbranche stehen: Hier gilt es, zumindest zu anderen Branchen aufzuschließen. Der Vorteil: Es kann viel gelernt, adaptiert und – soweit erforderlich – angepasst oder erweitert werden. Artikelstammdaten und damit auch Preisdaten sind ganz offensichtlich das elementare Teilchen, für das eine branchenweite Struktur entwickelt werden könnte und sollte.

Die Vorteile für alle Seiten sind gerade heute mehr als überdeutlich und die absehbare Vertiefung der EDV-Integration wird die Situation weiter verschärfen: Nichtsdestotrotz darf nicht verschwiegen werden, dass die Vorteile auf Seiten der Hersteller vergleichsweise gering ausfallen könnten. Sie haben auf ihrer Seite viele Vorteile einer vollständigen Digitalisierung in Richtung Handel bereits erzielt. Andererseits sind die Aufwände der Konvertierung in ein Normformat vergleichsweise so minimal, dass eine entsprechende Entscheidung ohne viel Aufhebens getroffen werden könnte. Für die eigenen Fachhandelspartner wäre die Einsparung jedenfalls um ein sehr hohes Vielfaches größer als die Investition ihres jeweiligen Lieferanten.

Insbesondere Verbände, Einkaufsgemeinschaften und Softwareanbieter, sowohl auf Hersteller- als auch Fachhandelsseite, sollten das Thema stärker auf die Tagesordnung setzen, wenn Babel und die digitale Steinzeit endlich verlassen und auch digital wieder in einer Sprache miteinander gesprochen werden soll. – Den Kopf in den Sand zu stecken und das Problem weiter zu ignorieren, ist jedenfalls keine Option für die Zukunft, die absehbar noch weitergehende Integrationserfordernisse zwischen Lieferanten und Fachhandel mit sich bringen wird.

Gerrit Eicker, im August 2010; kommentieren

Das Editorial im Motorist 5/10, S.3:

Der Artikel im Motorist 5/10, S.47ff.: